Nachgehakt: Fragen an die Initiatorin

»Bei Migranten ist schnell der Schulabstieg da«

Alle reden von gewalttätigen Arabern und integrationsunwilligen Türken. Warum sollte man sich da gerade um die kümmern, die keinen Ärger machen? YMT-Initiatorin Barbara Seibert erklärt, warum sie und ihre Kollegen/Kolleginnen künftige Eliten fördern.

Frau Seibert, derzeit fordern viele mehr Eigeninitiative von den Migranten – Sie aber fördern sie lieber. Haben die anderen Unrecht?

Man kann nicht ständig von Menschen fordern, wenn diese Menschen die Strukturen nicht verstehen. Wir helfen Jugendlichen aus Gymnnasien, Haupt-, Real- und Wirtschaftsschulen, die viel Engagement einsetzen, um etwas zu erreichen. Doch ihre Familien sind oft nicht in der Lage, ihnen Wege zu zeigen, weil sie sich selbst nicht auskennen.

Glauben Sie wirklich, dass intelligente junge Menschen diesen Extra-Schub nötig haben? Meinen Sie nicht, die könnten es auch allein schaffen?

Viele von ihnen sagen zwar, dass sie studieren wollen – aber sie wissen nicht, wo es Stipendien gibt, wie man Bafög beantragt, oder dass es eine tolle Chance sein kann, in eine andere Stadt zu ziehen. Im ersten Gespräch sagten die meisten unser Jugendlichen: „Ich will studieren – in Hamburg.“ Und die Eltern nickten dazu. Dann sind wir mit ihnen an verschiedene Hochschulen in Deutschland gefahren, dort haben sie auch mit Dozenten gesprochen, die Atmosphäre kennen gelernt. Die meisten haben sich für eine dieser Städte entschieden – und sind eben nicht hier geblieben.

Sie sind also eine bessere Studienberatung.

Wir sind mehr als das: Wir bringen die Jugendlichen nach vorn, zum Beispiel über persönliches Coaching. So lernen sie, selbstbewusst aufzutreten, werden rhetorisch besser oder trauen sich überhaupt erst, die Bewerbung für den Auslandsaufenthalt einzureichen. Dies sind vielleicht nur Nuancen, aber sie machen die Jugendlichen stark und unabhängig. So können Persönlichkeiten entstehen, die sich an die Spitze vorkämpfen, die sich nicht klein machen oder wegschicken lassen. Wir brauchen solche Migranten als Vorbilder.

Man könnte doch aber auch die Jugendlichen fördern, die komplett am Rande der Gesellschaft stehen und Hilfe bitter nötig hätten.

Andere machen das, und das ist gut so. Wir konzentrieren uns auf die geschätzten 75 Prozent Migranten, von denen kaum einer spricht: einem Teil der großen, relativ unauffälligen Masse, den sozial Benachteiligten nämlich. Innerhalb dieser Gruppe wollen wir diejenigen fördern, die Engagement zeigen, von denen man annehmen kann, dass sie es mit unserer Hilfe schaffen. Wenn Sie so wollen: eine neue Elite.

Inwiefern dient das der Integration?

Je mehr jemand lernt, sich durchzusetzen, je selbstbewusster er auftritt, je weniger Defizite er sich zusprechen lässt, desto eher kann er Pläne für die Zukunft machen. Oder einfach nur den Stadtteil wechseln und dort mit Selbstbewusstsein seine Kultur vertreten. Diese Jugendlichen sind künftige Arbeitskräfte, die Steuern und Sozialbeiträge zahlen. Die auch Beiträge in Kunst und Kultur leisten und leistungsfähige Mitglieder der Gesellschaft sein können.

Und warum schaffen sie das nicht allein, obwohl sie doch seit Jahren hier leben?

Weil ihre Eltern das Bildungssystem nicht kennen. Und weil es teilweise auch Ressentiments gibt, etwa bei den Lehrern. Meine eigenen Kinder hatten ihre Fünfer-Zeiten in der Schule. Aber wir Eltern sind Akademiker, da hat nie jemand über einen Schulabstieg gesprochen. Bei Migranten-Kindern ist nach einer Vier oder gar einer Fünf schnell das Thema Schulabstieg da. Bei allem guten Willen: Bildungsinstitute machen viele strukturelle Fehler, weil sie überfordert sind. Ein einzelnes Migrantenkind geht da leicht unter.

So eine Sonder-Förderung ist doch aber sicher teuer?

Im Jahr kostet die Förderung pro Schüler etwa 3000 Euro. Wenn Sie aber nachrechnen, was jemand kostet, den man nicht fördert und der hinterher trotz Potenzial in den Transfersystemen landet, dann sind Sie bei ganz anderen Zahlen. Das Verhältnis von Einsatz und Ertrag ist in diesem Bereich enorm und eindeutig zu Gunsten der Förderung.

Das Gespräch führte Marike Frick
Freie Journalistin, Hamburg